Religionsunterricht für Muslime

am 06.12.2002 / Göttingen

Referenten:

Prof. Dr. Bassam Tibi, Göttingen

Ministerialrat Rolf Bade, Hannover

Moderation:

Dr. Ulrike Koller, Göttingen

 

 

GT, 06.12.2002

"Rücksichtsloses Verhalten'

Ärger um Diskussion zu islamischem Religionsunterricht

Heftige Kritik von muslimischer Seite gibt es an der heutigen Diskussionsveranstaltung der Evangelischen Stadtakademie zum Thema “Religionsunterricht für Muslime?”. Mohamed Mansour, Vorstandsmitglied beim islamischen Verein Al-Taqwa, wirft den Veranstaltern "rücksichtsloses Verhalten” vor.

Göttingen (bar). Diskutieren sollen heute Abend Ministerialat Rolf Bade vom Niedersächsischen Kultusministerium und Professor Bassam Tibi, Leiter der Abteilung für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen. In einem Brandbrief hatte Mansour zuvor versucht, Bade von einer Teilnahme abzuhalten. Mansours Argumente: Der erste Feiertag der Muslime nach dem Fastenmonat Ramadan falle auf den 6. Dezember - es sei rücksichtslos, an diesem Tag eine solch kontroverse Veranstaltung durchzuführen. Außerdem lehnten viele Muslime in Göttingen Tibi ab. Dieser sei oberflächlich und polarisierend: "Dies gilt insbesondere wegen seiner einseitigen zum Ausdruck gebrachten feindlichen Ansichten gegenüber dem Islam." Zudem sei islamischer Religionsunterricht derzeit ein sensibles Thema. Fingerspitzengefühl im Hinblick auf die "Zielgruppe" sei notwendig, damit das Projekt akzeptiert werden könne: "Die geplante Veranstaltung in Göttingen ist politisch mehr als ungeschickt und schadet dem Projekt und dem Land Niedersachsen."

“Verfolgt wie Juden"

Für Al-Taqwa gilt laut Mansour: "Wir wollen die Veranstaltung boykottieren." Mansour sitzt auch im Gesamtvorstand des Landesverbandes der Muslime in Niedersachsen Schura. Gegenüber dem GT griff Mansour zu einem drastischen Vergleich: "Muslime in der Welt werden verfolgt wie Juden im Dritten Reich".

"Die Diskussionsveranstaltung soll und wird stattfinden", sagt Werner Peter, Mitarbeiter der Evangelischen Erwachsenenbildung. Die Veranstaltung sei nicht als Diskussion mit Vertretern muslimischer Gruppen konzipiert. Es gehe um eine Initiative der Landesregie-rung und die Kritik daran. Tibi sei nicht als Experte für den Islam eingeladen, sondem als Politologe.

Pikant am aktuellen Ärger: Nur zwei Tage nach der Diskussionsveranstaltung soll es ein gemeinsames Gebet für den Frieden mit Beteiligten der Religionen Abrahams - Judentum, Christentum, Islam - geben. Dabei ist auch Mansour: Er spricht das Gebet für den Islam.

Die Diskussionsveranstaltung beginnt heute um 18 Uhr im Saal der St.-Marien-Gemeinde, Neustadt 21, neben der Kirche. Das Gebet der Religionen Abrahams findet statt am Sonntag, 8. Dezember, um 20 Uhr in der Jacobikirche. 

 

 

GT, 12.12.2002

 Bassam Tibi warnt vor “falscher Toleranz”

Ev. Stadtakademie: Niedersachsen will islamischen Religionsunterricht einführen

Göttingen (mic). Auf kritische Rückfragen mit Boykottaufrufen zu reagieren, sei der Sache nicht dienlich, erklärte Ministerialrat Rolf Bade. Als Gast der Evangelischen Stadtakademie stellte der Mitarbeiter des Niedersächsischen Kultusministeriums in der St.-MarienGemeinde das niedersächsische Projekt "Religionsunterricht für Muslime" vor. Zum Boykott hatte Mohamed Mansour aufgerufen, Vorstandsmitglied beim islamischen Verein Al-Taqwa.

Mansour störte sich an Bades Gesprächspartner auf dem Podium, dem Göttinger Professor für Internationale Beziehungen, Bassam Tibi. Diesem warf der Palästinenser "feindliche Ansichten gegenüber dem Islam" vor. Das Brisante: Mansour gehört dem Gesamtvorstand des in Gründung befindlichen Landesverbandes der Muslime in Niedersachsen Schura an. Initiator des Zusammenschlusses: die Landesregierung. Diese sucht einen Ansprechpartner mit dem sie den Lehrplan für islamischen Religionsunterricht abstimmen kann.

Muslime verfolgen sich selbst

Tibi bezweifelte das Gelingen. Die islamische Gemeinschaft sei seit ihrer Frühzeit zerrissen. Von den vier unmittelbaren Nachfolgern des Propheten Mohammeds, den vier rechtgeleiteten Imamen, seien drei von Glaubensbrüdern ermordet worden. Muslime verfolgten sich bis heute gegenseitig.

Bade pragmatisch. "Es ist ein Versuch, wenn es nicht klappt, haben wir eine Chance verpasst." Tibi warnte den Ministerialrat vor falscher Toleranz gegenüber Orthodoxen und Islamisten. Der Professor machte darauf aufmerksam, dass der Begriff Schura ("Rat") im Denken der Islamisten eine wichtige Rolle spielt. Diese verstünden darunter ein islamisches Parlament. Es sei also kritisch nachzufragen, ob der Landesverband beabsichtige, "separatistische Strukturen" aufzubauen. Das wäre das Gegenteil von Integration.

Bade versicherte, dass sich die Landesregierung das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen werde. Das Land werde den Lehrplan , erstellen. Der Unterricht sei auf Deutsch abzuhalten. Die Lehrer müssten wissenschaftlich ausgebildete Pädagogen seien. Hannover plane zunächst auf die 60 Lehrer zurückzugreifen, die in Niedersachsen muttersprachlichen Unterricht gäben. Der Unterricht werde zunächst im Schulversuch getest. Erst dann werde er für alle 40 000 muslimischen Kinder in Niedersachsen eingeführt, so Bade.

 

 

ez, 15.12.2002

 Modellversuch

Bassam Tibi sprach zu geplantem islamischen Religionsunterricht

Göttingen. Die Niedersächsische Landesregierung plant zum Beginn des Schuljahres 2003/2004 die Einführung islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen. In einem zeitlich befristeten Schulversuch soll an geeigneten Schulstandorten des Landes deutschsprachiger Religionsunterricht für Muslime erteilt werden. Die zeitliche Dauer des Versuchs wird sich auf drei bis vier Jahre erstrecken.

In einer Informationsveranstaltung der Evangelischen Stadtakademie Göttingen diskutierten Ministerialrat Rolf Bade vom Kultusministerium in Hannover und Bassam Tibi, Leiter der Abteilung für Internationale Beziehungen der Universität Göttingen über das geplante Vorhaben. Mit den Worten von Ministerpräsident Sigmar Gabriel machte Bade den Entscheidungsprozess der Landesregierung deutlich. Gabriel hatte sich in einer Regierungserklärung, in der es wesentlich um die Integration ausländischer Mitbürger geht, für eine Gleichberechtigung aller muslimischen Schülerinnen und Schüler mit ihren christlichen, jüdischen und konfessionslosen Altersgenossen eingesetzt. Dies könne durch die Teilnahme am Schulfach Werte und Normen oder durch die Teilnahme am Religionsunterricht gewährleistet werden.

Der islamische Religionsunterricht, nicht zu verwechseln mit Koranunterricht, soll in deutscher Sprache und unter staatlicher Verantwortung und Kontrolle ermöglicht werden und unter vergleichbaren Vorraussetzungen wie für evangelischen oder katholischen Religionsunterricht eingerichtet werden.

Zur inhaltlichen Absicherung des Versuches werden von der Landesregierung Repräsentanten der maßgeblichen Glaubensrichtungen der Muslime in Niedersachsen zu einem “Runden Tisch islamischer Religionsunterricht" eingeladen. Dessen Ziel sei es, auf muslimischer Seite "zu einem gegenüber dem Land einheitlich auftretenden Ansprechpartner zu gelangen". Er soll autorisiert sein, Aussagen über einen gemeinsamen religiösen Glaubenskonsens der Muslime zu treffen und als Beirat den beabsichtigten Versuch begleiten. Das Modell soll der “Bildung von ParalleIgesellschaften vorbeugen” und den islamischen Religionsunterricht in einem “staatlichen öffentlichen Raum verorten”, so Bade.

Tibi begrüßte die Initiative der Landesregierung, beurteilte sie allerdings kritisch. Er betonte die theologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen isIamischen Richtungen und Kulturen: “Diese kann man nicht zusammen bringen.” Der Initiative des “Runden Tisches” stehe er deshalb skeptisch gegenüber. “Es gibt keine einheitliche islamische Religionsgemeinschaft und keine religiöse Gruppe kann beanspruchen, vollständig für den Islam zu sprechen.” Einigkeit sei allein hinsichtlich der fünf Säulen des Islam zu erzielen. In allen anderen Punkten gebe es "starke unterschiedliche Auffassungen". Trotz der Schwierigkeiten fordert Tibi den “Brückenbau” zwischen den Kulturen. Es sei möglich, dass ein Mensch viele Identitäten in seiner Brust habe und Schule könne helfen, diese “multiple Identität” zu verwirklichen. “Interkulturelle Kompetenz” zu erzielen, sei eine der Hauptaufgaben der Gesellschaft.

Ein solcher Schulversuch ist in den Bundesländern Bayern und Hessen bisher, gescheitert.

thk

 

 

GT, 16.12.2002 - Leserbrief

Polarisiert

Bericht: “Bassam Tibi warnt vor falscher Toleranz”, 12. Dezember

Einer Integration der Muslime dient letztlich nur das beharrliche Gespräch an der Basis. Das Verteilen von pauschalen Etiketten wie "orthodox" oder islamistisch ist nicht hilfreich, sondern polarisiert und blockiert, so dass die Versuche eines echten Ankommens der Muslime in dieser Gesellschaft zu scheitern drohen.

Die Initiative zur versuchsweisen Einführung eines islamischen Religionsunterrichts nach Art 7,3 GG ist ein mutiger und richtiger Schritt Niedersachsens. Der Blick auf die jahrhundertelang verfeindete christliche Konfessionsszene zeigt, was bei gutem Willen an Toleranz und Friedfertigkeit heute möglich ist. Aber auf den Versuch muss es ankommen.

Ludger Gaillard Islambeauftragter im ev.-luth. Sprengel Göttingen

 

 

GT, 16.12.2002 - Leserbrief

Niveau disqualifiziert

Bericht: “Bassam Tibi warnt vor ‘falscher Toleranz’”, vom 12. Dezember.

Die Warnungen von Bassam Tibi in allen Ehren,.etwas Sachkenntnis wäre auch ihm anzuraten. Jedes Standardwerk zur islamischen Geschichte wird ihn lehren, daß die Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen (nicht Imame ... ) eine Zeit gesellschaftlichen Umbruches war, der auch in anderen Gsellschaften leider nicht ohne Blutvergießen vor sich ging und geht.

Deshalb auf eine angeborene Friedensunfähigkeit von Muslimen zu schließen, sollte man nicht einmal einem Studienanfänger durchgehen lassen. Wenn Herr Tibi der Meinung ist, der Begriff ‘Schura’ sei nur als ‘Parlament’ zu verstehen, zeigt er eine profunde Unkenntnis der modernen islamischen Diskussion. Oder: Das Standardwerk zur Schura-Diskussion schreibt schon 1998: "Mehrere Fehler und unhaltbare Verallgemeinerungen finden sich in jüngeren Veröffentlichungen B. Tibis ... Herr Tibi hat anscheinend jahrelang nicht weiter geforscht".

Wenn sich auch solche Kritik ob ihres Niveaus selber disquafifiziert, müssen auch muslimische Gemeinden akzeptieren, daß Kritik geübt wird, wenn sie denn als gleichwertige Partner anerkannt werden wollen.

Dem Niedersächsischen Kultusministerium ist auf jeden Fall viel Erfolg zu wünschen; der gezeigte Pragmatismus läßt hoffen.

Rüdiger Lohlker, Göttingen

 

 

GT, 18.12.2002 - Leserbrief

Absurde Begründung

Bericht: "Rücklichtsloses Verhalten", vom 06.Dezember

Die von der Evangelischen Stadtakademie Göttingen organisierte Diskussionsveranstaltung zum Thema "Religionsunterricht für Muslime?” war dem islamischen Religionsunterricht wohlwollend und aufgeschlossen gesonnen. Beide Referenten, Rolf Bade und Prof. Tibi befürworteten das Anliegen wenngleich mit unterschiedlichen Auffassungen über die Modalitäten.

Der Göttinger Islamische Verein "Al-Taqwa" boykotierte die Veranstaltung mit absurden und banalen Begründungen. Das Vorstandsmitglied Mansur griff zudem zur Diffamierung des international angesehenen Politologen Bassam Tibi, der stets in seinen Büchern Islam durchaus mit Demokratie kompatibel darstellt und lediglich den politisierten islamischen Fundamentalismus als Feind des Dialogs und der Demokratie anprangert.

Ein kritisch denkender Wissenschaftler wird als "oberflächlich" und "polarisierend" gebrandmarkt, aber ein anderer, der sämtliche lokale Foren zur Verkündung seiner unsachlichen Ansichten benutzt, darf gleichzeitig die unsägliche Parallele wagen: "Muslime in der Welt werden verfolgt wie Juden im Dritten Reich."

Als ein Muslim iranischer Herkunft begrüße ich den Vorstoß des Niedersächsischen Kulturministeriums und warne zugleich davor, Personen und Religionsgemeinschaften, die des öfteren ob ihrer unsachlichen und unsympathischen Beiträge und Auftritte das Gesicht der Religion des Islams schaden, als authentische Vertretung aller in Deutschland lebenden Muslime zu registrieren.

Behrouz Khosrozadeh, Göttingen

 

 

GT, 02.01.2003 - Leserbrief

Keine Theologie von einen Politologen

Leserbrief vom 18. Dezember

Für mich als liberalen und weltoffenen europäischen Muslim ist es eine enorme Frechheit, die Einwände des Vorstandsmitgliedes des islamischen Al-Taqwa Vereins Herrn Mansour als absurd zu diffamieren! Der Einwand von muslimischer Seite war der Termin, der mit dem islamischen "Fastenbrechenfest" zusammenstieß. Hierfür gibt es rituelle Festzeremonien, die für einen praktizierenden Muslim Priorität haben!

Ich begrüße persönlich jede Veranstaltung, an der sich Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften beteiligen, um sich friedlich näher kennenzulernen und somit auch etwas zu einem friedlicheren Miteinander in unserem pluralistischen Land beitragen.

Dass für die Zukunft der Termin jedoch besser gewählt werden sollte, liegt klar auf der Hand. Khosrozadeh sollte den Bekanntheitsgrad von Professor Tibi nicht mit seiner Kompetenz verwechseln!

Es ist vielleicht unfair gegenüber Tibi als Politologen, Wissensansprüche eines islamischen Theologen zu erwarten. Deshalb kann man seine Außerungen lediglich als die eines Politologen, der sich als Muslim ausgibt, werten. Mit der Mehrheit der hier lebenden praktizierenden Muslime hat er wenig gemein und bei ihnen auch keine große Popularität.

Aus diesem Grunde begrüße ich die Einwände von Mansour al Masri, da er auf ehrliche Art und Weise seine Meinung und emotionalen Empfindungen als deutscher Muslim äußert. Ein konstruktiver Dialog braucht ehrliche Kritik und Dispute, um den Weg für eine friedliche Zukunft ebnen zu können. Das ist keinesfalls absurd, geschweige denn banal.

Kinan Darwisch, Göttingen

 

 

 

 

 

 

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